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Armes Kinderhirn von handelsblatt.com
Freitag 3. Juli 2009, 08:43 Uhr

 

Arme Kinder haben es schwer - nicht nur, was die materielle Versorgung angeht. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Der Stress in sozial schwachen Familien wirkt sich auch auf die vorpubertäre Hirnentwicklung aus. Wie die soziale Herkunft Intelligenz und Leistungsfähigkeit von Kindern hemmt.

DÜSSELDORF. Katharina Saalfrank, die "Super Nanny" des Senders RTL, ist gewöhnlich nicht bei Millionärsfamilien zu Gast. Dass Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen eher zu Verhaltensstörungen neigen, ist unumstritten. Arme Kinder sind auch häufiger krank als andere. Und, das zeigen neuere Untersuchungen, auch die geistigen Fähigkeiten beeinflusst der schwierige Start ins junge Leben. In jüngster Zeit nehmen Wissenschaftler genauer unter die Lupe, welche Fähigkeiten sich vom sozialen Status beeinflussen lassen und wie sich dieser auch in der Hirnentwicklung niederschlägt.

Die Psychologin Martha Farah von der University of Pennsylvania
in Philadelphia hat in den letzten Jahren mentale Fertigkeiten von Kindern in psychologischen Experimenten untersucht. Der Nachwuchs aus begüterterem Elternhaus zeigte vor allem ein besseres Sprachvermögen und Kurzzeitgedächtnis. "Entsprechende Hirnregionen wie der präfrontale Kortex entwickeln sich nach der Geburt über einen längeren Zeitraum und sind damit verstärkt der Umwelt ausgesetzt", so Farah. In Familien mit niedrigem "sozioökonomischem Status" ist es oft laut und chaotisch, materielle Sorgen führen zu Frust, Streit und Gewalt. Eltern kümmern sich wenig um ihre Kinder.

Eine Psychologengruppe um Mark Kishiyama von der University of California in Berkeley machte eine besorgniserregende Entdeckung, als sie das Aufmerksamkeitsvermögen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft untersuchte. Während sie das Geschehen auf einem Computerbildschirm konzentriert verfolgen sollten, wurde bei den Kindern die elektrische Aktivität im Gehirn gemessen. Bei ärmeren Kindern war der für Aufmerksamkeit wichtige präfrontale Kortex tendenziell weniger aktiv. "Die neuronale Antwort glich der von Menschen, bei denen ein Teil des Frontallappens durch einen Schlaganfall zerstört ist", so Kishiyama. "Wobei nicht jeder, der arm ist, eine schwache Antwort des Frontallappens zeigte", schränkt sein Kollege Robert Knight ein.

Normalerweise hilft der präfrontale Kortex, visuelle Reize besser zu verarbeiten. Besonders wenn es Neues zu entdecken gilt, ist er aktiv. Doch die sozial benachteiligten Kinder konnten die optischen Reize nicht angemessen verwerten. "Das ist insgesamt alarmierend. Diese Kinder sind nicht nur arm und haben mit größerer Wahrscheinlichkeit gesundheitliche Probleme. Ihre Gehirne entwickeln sich offensichtlich nicht normal in ihrer vermutlich stressreichen und eher dürftigen Umgebung - einer Umgebung, in der Bücher, Spiele und Museumsbesuche Seltenheitswert haben", so Knight. Kinder aus armen Familien hören beispielsweise in den ersten vier Lebensjahren ungefähr 30 Millionen Wörter weniger als die aus der Mittelklasse, erläutern die Wissenschaftler.

Als Forscher um den Neurowissenschaftler Rajeev Raizada von der University of Washington die Gehirne von Vorschulkindern anatomisch in Augenschein nahmen, stellten sie fest: Die Menge an grauer und weißer Hirnsubstanz im linken unteren vorderen Gyrus - die Region ist an der Sprachverarbeitung beteiligt - fiel bei den sozial bessergestellten Versuchspersonen üppiger aus.

Bleibt die Frage, über welche Wege Familien die Hirnentwicklung ihrer Kinder prägen. Unter anderem über Stress, berichtete der Umwelt- und Entwicklungspsychologe Gary Evans von der Cornell University in New York kürzlich in den "Proceedings" der amerikanischen Wissenschaftsakademie. Er hatte Jugendliche im Laufe ihres Lebens immer wieder auf chronischen Stress hin untersucht. Je länger die Kinder ein Dasein unterhalb des Existenzminimums zugebracht hatten, desto stärker standen sie unter ständigem psychischem Druck. Die entbehrungsreiche Zeit schlug sich auch im Kurzzeitgedächtnis nieder, das unter anderem fürs Lesen und Problemlösen wichtig ist: Sie konnten sich weniger Informationen kurzfristig merken. "Manchem mag vielleicht nicht klar sein, wie viel mehr Stress ein Mensch mit niedrigem Einkommen erlebt. Es ist nicht nur die Belastung, die Miete zahlen und Essen auf den Tisch bringen zu müssen, sondern ebenso die Ungewissheit und das Gefühl, das eigene Leben nicht unter Kontrolle zu haben", sagt Martha Farah.

Der Neuropsychologe Thomas Elbert von der Universität Konstanz erklärt, wie psychische Dauerbelastung das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt: "Die Nebennierenrinde schüttet in solchen Fällen das Stresshormon Cortisol aus, einen Botenstoff, der direkt ins Gehirn geht und das Ablesen von Genen beeinflussen und zu Zellveränderungen führen kann." Davon ist beispielsweise der Hippocampus betroffen, eine besonders formbare Struktur, vor allem bei Kindern noch vor der Pubertät. "Chronischer Stress kann in diesem Areal dazu beitragen, dass Nervenzellen degenerieren, ja sogar abgetötet werden", sagt Elbert. Darüber hinaus kann er die Neubildung von Nervenzellen stören. Der Hippocampus ist einer der wenigen Orte im Gehirn, wo bei Erwachsenen noch frische Nervenzellen entstehen.

Als Martha Farah im Rahmen einer Langzeitstudie das familiäre Umfeld armer Kindern vor Ort besichtigte, stieß sie auf weitere Faktoren, die die geistige Entfaltung mitbestimmen. Wie viel Nestwärme die Eltern ihren Kindern spendeten, machte sich in psychologischen Tests beim Erinnerungsvermögen bemerkbar. Mehr elterliche Zuneigung, die möglicherweise die Entwicklung des Hippocampus beeinflusst, bedeutete beim Nachwuchs gleichzeitig ein besseres Gedächtnis. Eine intellektuell stimulierende Umgebung hingegen, etwa Spielzeug, um die Namen von Farben zu lernen, förderte die Sprachentwicklung der Kinder.

Doch spielen bei alldem nicht doch die Gene eine entscheidende Rolle? Ja, natürlich ist Intelligenz auch erblich. Aber der genetische Einfluss bleibt begrenzt. Laut Adoptionsstudien hängt das unterschiedliche Abschneiden adoptierter Kinder bei Intelligenztests etwa zur Hälfte mit dem sozialen Status der Adoptiveltern und nicht dem der biologischen zusammen. Außerdem ist entscheidend, wann Kinder Armut erleben: Eine entbehrungsreiche Zeit für eine Familie wirkt sich stärker auf die jüngeren Geschwister aus.

Dass nicht nur die Gene die geistigen Fähigkeiten bestimmen, sondern auch die Umwelt, ist also auch ein Ansporn für Naturwissenschaftler, Pädagogen und Sozialpolitiker. Je mehr Wissenschaftler über die Entwicklung in jungen Jahren in Erfahrung bringen, desto gezielter lassen sich die geistigen Fähigkeiten von ärmeren Kindern fördern und verbessern.

 

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