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Dax-Ausblick: Karten auf den Tisch von handelsblatt.com
Freitag 3. Juli 2009, 19:31 Uhr

 

Erholt sich die Wirtschaft - oder sind alle Hoffnungen verfrüht? Anleger stellen sich diese Frage seit Wochen. Jetzt kommen die Karten auf den Tisch: In der kommenden Woche startet die Berichtssaison fürs zweite Quartal. Da wird sich zeigen, ob sich Erwartungen und Realität decken. Zumal noch weitere aussagekräftige Termine auf der Agenda der Anleger stehen.

HB FRANKFURT. Gleich von zwei Seiten erwarten Investoren in den kommenden Tagen Hinweise darauf, ob ihre Wette auf eine Wirtschaftserholung aufgeht. Weiterhin geben wichtige Konjunkturdaten den Aktienmärkten Impulse, zum Beispiel die Auftragseingänge in der deutschen Industrie oder der Michigan-Index zum Verbrauchervertrauen. Zugleich startet die Berichtssaison, in der Unternehmen sagen, wie das zweite Quartal gelaufen ist und was sie für die Zukunft erwarten.

Zuletzt haben die Anleger ihrem eigenen Optimismus nicht mehr recht getraut. Geradezu geschockt reagierten sie am Donnerstag auf unerwartet schlechte Zahlen vom US-Arbeitsmarkt.
"Die insgeheimen Hoffnungen, dass sich die Erholung der Frühindikatoren auch am Arbeitsmarkt positiv bemerkbar machen könnte, haben sich nicht erfüllt", kommentierte Marktstratege Christian Schmidt von der Helaba den Kurssturz. Insgesamt hat der Dax (Xetra: Nachrichten) in der ablaufenden Woche gut ein Prozent auf rund 4 700 Punkte nachgegeben.

Mit Spannung erwarten die Investoren nun Informationen darüber, wie es der Wirtschaft, also den Unternehmen, konkret geht. "Bislang wurden Erwartungen gespielt, das muss irgendwann auch mit Substanz gefüllt werden. Die Märkte lauern darauf", sagt BHF-Aktienstratege Roland Ziegler. Aktuell notiert der Dax rund ein Drittel über seinem im März markierten Jahrestief. Viele Analysten glauben, dass die Erwartungen zuletzt der Realität davongelaufen sind. Nun müssen sie sich an der Wirklichkeit der Unternehmensbilanzen messen lassen.

Wie sieht diese Wirklichkeit wohl aus? Kapitalmarktanalyst Stefan Scheurer von Allianz Global Investors rechnet in der Summe mit guten Nachrichten. "Die Chancen, dass es zu positiven Überraschungen kommt, stehen nicht schlecht", erklärte er. Denn im Vorfeld der Bilanzveröffentlichungen seien die Unternehmen bisher kaum mit negativen Vorabmeldungen aufgefallen.

Die Konzerne haben ihre Gewinnschätzungen im ersten Halbjahr bereits so weit reduziert, dass auch kaum noch weitere Enttäuschungen zu erwarten sind. Die Frage ist nur: Bestätigen die Unternehmen ihre Einschätzungen auf niedrigem Niveau oder sehen sie nun doch bereits neues Potenzial nach oben? Für den ersten Fall erwartet Arnim E. Kogge vom Stuttgarter Bankhaus Ellwanger & Geiger ein "eher seitwärts ausgerichtetes dritten Quartal". Chancen für positive Überraschungen sieht hingegen Scheuren. "Das dürfte sich im Eintrittsfall als ein Turbo für die Märkte gestalten."

Wohin die Märkte tendieren

Zum Monats-, Quartals- und Halbjahresbeginn haben zahlreiche Marktbeobachter ihre Erwartungen für die Aktienmärkte in den kommenden Monaten geäußert. Die variieren wie üblich; Pessimisten und Optimisten meldeten sich zu Wort. Zu letzteren zählen Experten der Unicredit (Mailand: UCG.MI - Nachrichten) : "Eine abrupte und nachhaltige Verschlechterung des Aktienmarktumfelds erscheint uns in den kommenden Monaten für 2009 unwahrscheinlich", meint Aktienstratege Tammo Greetfeld. Er verweist auf die globalen Frühindikatoren, bei denen sich noch kein Ende der Erholung abzeichne. Die Unicredit hält Kurszuwächse von fünf bis zehn Prozent in den Sommermonaten für möglich. Im Herbst könnten die Börsen allerdings vor einem "Realitätstest" stehen.

Den sieht spätestens dann auch David Karsb l, Chefvolkswirt der Saxo Bank, auf die Börsen zukommen: "Uns dürften turbulente Zeiten bevorstehen. Ich rate daher den Anlegern zur Vorsicht und Besonnenheit, da sich nach der Sommerpause in den Märkten wieder große Furcht und Negativität breitmachen könnten." In ihrem Quartalsausblick warnt die Kopenhagener Investmentbank vor einem zu großen Konjunkturoptimismus. Prognosen, denen zufolge der Aufschwung der Weltwirtschaft unmittelbar bevorsteht, seien verfrüht. Die fundamentalen Ungleichgewichte, die die Industrienationen in die Finanzkrise gestürzt haben, seien nach wie vor ungelöst. Die Märkte hätten den Aufschwung daher schon zu weit vorweggenommen.

Mit eher seitwärts tendierenden europäischen Börsen im dritten Quartal 2009 rechnet die Fondsgesellschaft Pioneer Investments. "Nach der Kurs-Rally erwarten wir für die kommenden drei Monate eine Beruhigung der Märkte", sagt Thomas Radinger, Europa-Fondsmanager bei Pioneer Investments Deutschland. Die Börsen in Europa zeigten aktuell kaum Aufwärtspotenzial. "Wir warten derzeit ab, ob die jüngste Markerholung auf mittlere Sicht anhalten wird."

Kritisch sieht der Investment-Experte vor allem Finanzwerte und Automobilaktien; positiver ist er gegenüber Rohstoffaktien wie Minen- oder Agrarwerten eingestellt. "Rohstofftitel nutzen wir besonders als Inflationsschutz, da wir mittelfristig aufgrund der hohen Staatsverschuldung eine klare Inflationsgefahr sehen", sagt Radinger. Im Agrarsektor sei der langfristig positive Trend weiterhin intakt. Auch Versorger hält er für attraktiv bewertet.

Einen "volatilen Seitwärtstrend" erwartet Helmut Knestel, Fondsmanager des Finanzdienstleisters Gecam: "Vieles spricht derzeit dafür, dass Rezessions- und Deflationsangst einerseits sowie enorme Liquidität und Inflationsangst andererseits zu einer weiteren Achterbahnfahrt an den Börsen führt." Ein schneller und nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung sei noch nicht in Sicht. Daher würden "hoffnungs- und liquiditätsbedingte Strohfeuer von konjunkturellen Fakten immer wieder gelöscht". Knestel bleibt daher vorsichtig: "Solange nicht eindeutige technische Widerstände - wie im Dax die 5 300er Marke - geknackt sind, gilt, was Kostolany sagte: Angst kaufen, Euphorie verkaufen."

Die wichtigsten Termine der kommenden Woche

Nachdem zuletzt vor allem volkswirtschaftliche Daten im Fokus standen, blicken Investoren in den kommenden Wochen vor allem auf Nachrichten von Unternehmen. Am Mittwoch geht es los. Dann eröffnet der weltgrößte Aluminiumkonzern Alcoa traditionell die US-Bilanzsaison. "Alcoa (NYSE: AA - Nachrichten) ist ein Signal. Die Zahlen für das zweite Quartal sind wohl nicht gut, aber ein positiver Ausblick könnte den Märkten nach oben helfen", sagt Jörg Rahn, der beim Bankhaus Marcard, Stein & Co. den Anlagebereich verantwortet.

Doch nach wie vor werden auch Konjunkturnachrichten wichtige Impulse geben, zumal die Quartalsberichte der Unternehmen in Europa und Deutschland erst noch folgen. Absatzzahlen von Autoherstellern und Verkehrszahlen von Fluggesellschaften geben aber Einblicke in Geschäftsentwicklungen. Zudem versprechen sich Investoren von der Veröffentlichung der Mai-Auftragseingänge der deutschen Industrie Hinweise auf den Zustand der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone.

Geprüft wird, ob sich die zuletzt verbesserte Stimmung in harten wirtschaftlichen Fakten niederschlägt und sich damit eine Konjunkturwende abzeichnet. "Die Auftragseingänge in der Industrie dürften im Mai deutlich zugelegt haben", prognostizierte Commerzbank (Xetra: 803200 - Nachrichten) -Volkswirt Ralph Solveen. "Auch die Produktion wird wohl bald ihren Tiefpunkt erreichen, selbst wenn es im Mai noch einmal ein leichtes Minus gegeben haben könnte."

Impulse von US-Konjunkturdaten

Die marktbewegenden Impulse dürften Börsianern zufolge allerdings von US-Konjunkturdaten ausgehen. Am Montag steht der ISM-Einkaufsmanger-Index für den Dienstleistungsbereich an. "Wir rechnen mit einer Fortsetzung der Erholung", prognostizieren die Volkswirte von HSBC Trinkaus.

Am Freitag veröffentlicht die Universität Michigan ihren Index zum Verbrauchervertrauen. Postbank-Experte Heinrich Bayer rechnet mit einem leichten Rückgang. "Dies würde darauf hinweisen, dass vom privaten Verbrauch in näherer Zukunft kaum positive Impulse auf das Wirtschaftswachstum ausgehen dürften", meint er. An den Märkten dürften zudem die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe (Donnerstag) sowie die US-Handelsbilanz (Freitag) Beachtung finden.

 

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