Börsen-Zeitung: Eine neue verlorene Dekade, Kommentar zu den
einer V-förmigen Konjunkturerholung, die sich durch einige
tatsächliche und zahlreiche vermeintliche "Green Shoots" - also zarte
Frühlingsboten in Gestalt freundlicher konjunktureller
Frühindikatoren - in den Köpfen der Investoren festsetzte, hat sich
als Illusion erwiesen. In der Folge ist der Dax (Xetra: Nachrichten) von einem
Stand
jenseits der 5100 Punkte per Anfang Juni auf jetzt rund 4700 Punkte
abgesackt. Möglicherweise geht es noch weiter abwärts.
Dies dürfte jedoch nicht darauf hinauslaufen, dass mit einem
Absturz der Märkte oder gar mit einem neuen Ausloten der Tiefpunkte
der Krise, wie es sie im Frühjahr gegeben hat, zu rechnen ist.
Jedenfalls nicht wenn man das derzeit wahrscheinlichste Szenario
zugrunde legt. Es könnte jedoch auch ganz anders kommen. Investoren
sollten sich in der aktuellen Situation, die nach wie vor durch die
Krise geprägt ist, mit Worst-Case-Szenarien auseinandersetzen und im
Sinne eines "Crash-Tests" überprüfen, wie hoch ihre Verluste in
derartigen Situationen wären.
Bereits in dieser Zeitung vorgestellt worden ist die Perspektive,
dass es aufgrund der überreichlichen Liquiditätsversorgung der Märkte
durch die Notenbanken und der großen Schwierigkeiten bei der
Beseitigung der Überschussliquidität in den nächsten Jahren zu einer
Reihe von Überbewertungsblasen kommen könnte, die dann in vielleicht
fünf Jahren in die nächste große Finanzkrise münden (vgl. BZ vom 18.
Juni).
Ein ganz anderes Szenario erregt derzeit vor allem bei US-Anlegern
erhebliches Aufsehen. Aufgebracht haben das Thema zwei renommierte
Ökonomen, nämlich Barry Eichengreen von der University of California
in Berkeley und Kevin O'Rourke, Professor am Trinity College in
Dublin. Sie warnen, dass es verblüffende Übereinstimmungen zwischen
der gegenwärtigen Entwicklung makroökonomischer Schlüsselgrößen gibt
und derjenigen nach dem Crash von 1929, die dann in die Große
Depression der folgenden Jahre mündete. Wenn die Experten recht
haben, müssen Anleger die Möglichkeit einer tiefgreifenden Depression
in ihr Anlagekalkül zumindest mit einbeziehen und daher ihre
Portfolios deutlich konservativer ausrichten als normalerweise gegen
Ende einer Rezession.
Auffällig ist jedenfalls, dass, wenn man die Fieberkurven aus den
beiden Zeitabschnitten übereinanderlegt, die weltweite
Industrieproduktion aktuell in gleich starkem Maße absackt wie in den
dreißiger Jahren. Beim Volumen des Welthandels und auch bei den
Kursniveaus der Aktienmärkte seien die Einbrüche sogar deutlich
dramatischer und rascher erfolgt als in der Krise vor 80 Jahren. Den
beiden Ökonomen zufolge ist erst ein Jahr einer möglicherweise erneut
zehn Jahre dauernden Depression vorüber. Es drohe damit wie in den
dreißiger Jahren eine aus ökonomischer Sicht verlorene Dekade.
Alten Fehler wiederholt
Nun lässt sich gegen eine solche Argumentation einwenden, dass die
Geldpolitik der Notenbanken und die Fiskalpolitik der Regierungen
aktuell eine ganz andere ist als zur Zeit der Weltwirtschaftskrise,
als schwere Fehler gemacht wurden. Hier kommt US-Nobelpreisträger
Paul Krugman ins Spiel. Er argumentiert, dass wir uns längst in einer
Liquiditätsfalle befinden, in der konventionelle Geldpolitik ihre
Wirkung global eingebüßt hat. Die unkonventionellen Maßnahmen der
Notenbanken sowie die Rettungs- und Konjunkturpakete der Regierungen
seien zwar goldrichtig gewesen. Sie würden jetzt aber schon wieder
zurückgefahren.
Genau dieser Fehler sei auch in den dreißiger Jahren gemacht
worden, als Präsident Franklin D. Roosevelt den "New Deal" abbrach
und auf Haushaltskonsolidierung umschaltete, flankiert von einem
steigenden Leitzins der Fed. Dies habe wieder zurück in die Rezession
geführt. Auch Krugman spricht daher von einer verlorenen Dekade, die
uns droht.
Mit Blick auf diese Gefahren liegen Privatanleger nicht falsch,
wenn sie zwar noch nicht wieder auf Krisenstimmung umschalten, sich
aber mental darauf einstellen, notfalls aus risikoreicheren
Assetklassen wie Aktien, Emerging Markets, Unternehmensbonds,
Rohstoffen etc. rasch wieder auszusteigen.
Originaltext: Börsen-Zeitung
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