Pflegeheime können damit rechnen, dass die Nachfrage in den nächsten Jahren steigt: Sowohl die Zahl der Senioren als auch die der Pflegebedürftigen wächst. Dennoch müssen die Betreiber kurzfristig wegen Überkapazitäten mit sinkenden Preisen kalkulieren, zeigt eine Studie.
FRANKFURT. Pflegeheime können in den nächsten Jahren mit einem sicheren Nachfragewachstum rechnen. Denn die Zahl der Senioren und auch der Pflegebedürftigen steigt. Dennoch geht die aktuelle Wirtschaftskrise an der Branche nicht spurlos vorbei. Kurzfristig müssen sich die Betreiber von Pflegeheimen auf Überkapazitäten einstellen. Das ist eines der Ergebnisse des aktuellen Pflegeheim-Rating-Reports, den das Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung gestern vorgestellt hat. Das Thema Überkapazitäten ist für die Branche nicht grundsätzlich neu: Ausgelöst durch den Bauboom verschiedener Immobiliengesellschaften Ende der
90er Jahre sind vor allem in Westdeutschland mehr Pflegeplätze entstanden, als es Bedarf gab. In diesem und dem nächsten Jahr könne nach Einschätzung von Sebastian Krolop, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Admed und Mitautor des Reports, die steigende Arbeitslosigkeit dafür sorgen, dass vorübergehend mehr Menschen in der Familie gepflegt werden. Langfristig bleibt es aber dabei, dass immer weniger Pflege von Angehörigen geleistet wird und demzufolge die professionelle ambulante und stationäre Pflege zunehmen wird. 2007 stand die Pflegebranche in Deutschland für rund 27 Mrd. Euro Umsatz. Bei konstanten Pflegequoten dürfte sich der Erhebung zufolge allein die Zahl der stationären Pflegefälle von 709 000 im Jahr 2007 um 36 Prozent bis 2020 erhöhen. Das Marktvolumen von ambulanter und stationärer Pflege würde dann 37 Mrd. Euro betragen. Aktuell gib es in Deutschland sehr große Preisunterschiede für die dauerstationäre Pflege und zwar nicht nur zwischen West- und Ostdeutschland, sondern auch innerhalb einzelner Regionen. Die Kosten für einen Pflegeplatz schwanken im Durchschnitt zwischen 2150 und 3050 Euro pro Monat. Dabei zeigt sich laut Studienautor Krolop, dass die teuren Heime nicht zwangsläufig auch die bessere Pflege der Senioren anbieten. Zwar sind die teureren Heime baulich meist besser ausgestattet. "Bei dem Heimbewohner kommen die Euros, die er im teureren Heim mehr zahlt, aber nicht unbedingt an", sagt Krolop. Derzeit betreiben Freigemeinnützige Träger wie Caritas und Diakonie mehr als die Hälfte (54 Prozent) der rund 11 000 Heime in Deutschland. Private Betreiber kommen auf rund 39 Prozent, öffentlich-rechtliche Anbieter spielen mit knapp sechs Prozent eine untergeordnete Rolle. Vor allem private Anbieter haben in den vergangenen Jahren ihr Angebot ausgebaut. Der Markt ist fragmentiert: Die Betreiber von Pflegeheimketten wie Pro Seniore, Kursana, Curanum (Xetra: 524070 - Nachrichten) und Marseille Kliniken (Xetra: 778300 - Nachrichten) kommen auf nicht einmal sechs Prozent Marktanteil, wenn man die Pflegeplätze zusammenrechnet. "Das typische private Pflegeheim ist oft in Familienhand und hat mit 20 bis 40 Plätzen eher Pensionscharakter", sagt Studienautor Krolop. Beim Rating schneiden private Heime etwas schlechter ab. In dieser Gruppe sind laut RWI 16 Prozent der Heime Insolvenz gefährdet, bei freigemeinnützigen und öffentlich-rechtlichen sind es dagegen nur rund zehn Prozent. Eine der größten Herausforderung für die Branche dürfte in den nächsten Jahren der Personalmangel sein. 810 000 Menschen arbeiteten in der ambulanten und stationären Pflege, davon 235 000 Pflegefachkräfte. Bis 2020 rechnet das RWI mit einem zusätzlichen Bedarf von 50 000 Pflegefachkräften. Für die Hilfskräfte - also nicht die Fachkräfte - wird derzeit die Einführung eines Mindestlohnes diskutiert. Würde der zu hoch ausfallen (etwa 9,68 Euro), stiegen die Insolvenzen, meint das RWI. Aus Sicht von Axel Hölzer, CEO der Marseille-Kliniken, müsste ein Mindestlohn für Pflegehilfskräfte auf jeden Fall unterschiedliche Sätze für West und Ost beinhalten. Im Osten seien auch die Pflegesätze 20 bis 25 Prozent niedriger. Der gerade gegründete Verband der privaten Pflegeheimbetreiber, dem Marseille-Kliniken angehört, hat einen Mindestlohn von 8,50 im Westen und 7,50 im Osten vorgeschlagen.
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