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Financial Times Deutschland
Börsenausblick: Furcht vor dem Finanz-Tsunami von Doris Grass und Christina Rathmann (Frankfurt) und Astrid Dö
Samstag 6. September 2008, 19:28 Uhr

 

Schon vergangene Woche fuhren die Investoren mit Dividendenpapieren schlecht - und positive Neuigkeiten sind nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Europäische Zentralbank (EZB) nahm zwar ihre Wachstumsprognosen für die Euro-Zone deutlich zurück, geht jedoch nur von einer vorübergehenden Delle aus. Diese Einschätzung halten zahlreiche Ökonomen für viel zu optimistisch: "Woher der Optimismus der EZB rührt, ist für uns nicht nachvollziehbar. Die Erwartung, dass sich das Wirtschaftswachstum im Jahr 2009 nur marginal auf 1,2 Prozent verringern wird, ist fernab aller ökonomischen Vorstellungskraft", sagt Karsten Klude, Stratege bei M.M. Warburg.

Kaufanreiz
für Staatsanleihen

Auch die anhaltenden Finanzmarktturbulenzen erweisen sich als Kaufanreiz für Staatsanleihen, die ihre Kursgewinne nach Ansicht der meisten Strategen fortsetzen dürften. Der Dollar erlebte in den vergangenen Tagen eine regelrechte Hausse. Ob dies so weiter geht, darüber sind die Analysten uneins.

Schockiert zeigten sich Investoren und Analysten kurz vor dem Wochenende über Aussagen von Bill Gross, Investmentchef der Allianz-Tochter Pimco. Gross hatte gefordert, dass die US Regierung ihr Budget dafür einsetzen müsse, die Märkte zu unterstützen, um einen "finanziellen Tsunami" zu verhindern. "Auf lange Sicht ist es ein Desaster wenn institutionelle Investoren die Unterstützung der Regierung benötigen, um die Misere auszugleichen", sagte Sean Egan, Analyst bei Egan Jones Rating.

An den europäischen Aktienmärkten stehen die Zeiten weiter auf Sturm: Von einem "schwankungsfreudigen Handel" sprechen die Experten der WGZ Bank. Die LBBW erwartet "kurzfristige Wechsel zwischen Erleichterungs- und Kapitulationsphasen". Beide Häuser gehen davon aus, dass die Aktienmärkte nicht mehr sehr weit sinken dürften. Auch Markus Wallner, Aktienstratege der Commerzbank (Xetra: 803200 - Nachrichten) , sieht zwar einen volatilen Handel. "Ich erwarte aber, dass sich die Märkte wieder etwas stabilisieren werden."

Teil 2: Angst wächst kurz vor der Berichtssaison

Zur Unsicherheit an den Märkten trägt auch der Fall des Ölpreises bei. Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) der US-Leichtölsorte WTI rund 106 $. Einerseits wird er wegen der geringeren Ölnachfrage als Ausdruck für eine schwache Konjunktur gewertet, was die Aktien belasten sollte. Andererseits bedeutet ein niedrigerer Ölpreis geringere Kosten für Unternehmen und mithin höhere Gewinne.

Die DZ Bank erwartet, "dass sich der Ölpreis weiter abschwächt. Der Aktienmarkt dürfte davon in den kommenden Wochen Unterstützung erfahren." Gleicher Meinung ist Commerzbank-Analyst Wallner: "Schon in den nächsten Inflationsdaten, bei der Teuerung im Monat August, wird sich bemerkbar machen, dass der Ölpreis stark gefallen ist. Das sollte den europäischen Aktienmarkt unterstützen."

Revision der Unternehmensgewinne bereits eingepreist?

Strittig ist, ob die Revision der Unternehmensgewinne schon ausreichend in den Aktien eingepreist ist. "In Europa beschleunigt sich der Gewinnrückgang, obwohl wir noch ganz am Anfang eines Konjunkturabschwungs stehen", schreiben die Anlagestrategen von ING Investment Management. Sie haben daher in den vergangenen Tagen Aktien gegenüber Rentenpapieren untergewichtet. Anderer Meinung ist etwa Commerzbank-Experte Wallner: "In der kommenden Berichtssaison werden noch einmal viele Unternehmen enttäuschen. Allerdings hat der Markt die Gewinnrückgänge schon zu einem großen Teil eingepreist."

Nach Ansicht der ING-Strategen dürfte eine nachhaltige Erholung der Aktienmärkte frühestens Mitte 2009 beginnen - kurz bevor die Unternehmenserträge ihre Tiefstände erreichen. Auch Jan Gengel von der Weberbank empfiehlt eine sehr defensive Positionierung bei Aktien und eine hohe Liquiditätsquote. Da sich die Konjunktur in den USA verglichen mit Europa besser darstelle, rät er, innerhalb des Aktienportfolios den US-Markt nicht mehr unterzugewichten.

"Ich glaube, dass Investoren den Mut verlieren"

Grundsätzlich aber ist auch die Stimmung jenseits des Atlantiks skeptisch. Die Landesbank Berlin sieht für US-Aktien kaum Aufwärtspotenzial. "Wahrscheinlicher dürfte die Fortsetzung der Schaukelbörse sein, wobei das Risiko eines erneuten Kursrückgangs mit dem Näherrücken der Berichtssaison steigen dürfte." Finanzanalyst Todd Salomone von Schaeffers Research erwartet, dass die pessimistische Stimmung unter den US-Anlegern anhält. "Ich glaube, dass Investoren - vor allem die finanzschwächeren - zu Recht den Mut verlieren."

Teil 3: Hohe Verluste in den vergangenen fünf Tagen

Dies zeigte sich schon vergangene Woche. Der Dax verlor per Saldo 4,6 Prozent auf 6127,44 Punkte. Der FTSE 100 brach um 7,0 Prozent ein, der größte Wochenverlust seit 2002. Der CAC 40 gab 6,4 Prozent nach. Bis zum Ende des Handels am Freitag sackte der Nasdaq Composite (NASDAQ: Nachrichten) im Vergleich zum Beginn der auf vier Tage verkürzten US-Börsenwoche um 4,7 Prozent, der S&P 500 um 3,2 Prozent ab.

Für die Rentenmärkte zeigen sich die meisten Strategen weiter optimistisch, speziell für US-Staatsanleihen. Eugen Keller vom Bankhaus Metzler rechnet mit Kursgewinnen. "Wenn Pimco und andere 13 Monate nach Ausbruch der Finanzkrise vor einem weiteren Tsunami an den Finanzmärkten warnen und in Großbritannien die größte Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg quasi offiziell verkündet wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich die Anleger risikoreichen Vermögenswerten den Rücken kehren."

Allein seit dem Handelstief am Dienstag legte der Bund-Future von 113,56 auf 115,76 Punkte zu. Den nächsten nennenswerten Widerstand nach oben siedeln Analysten der Helaba bei 116,13 Punkten und damit beim Hoch von Mitte April an.

Zum Anstieg der Rentenkurse trugen auch die enttäuschenden Zahlen vom US-Arbeitsmarkt bei. So kletterte die Arbeitslosenrate auf 6,1 Prozent und damit den höchsten Stand seit fünf Jahren. Der Stellenabbau übertraf mit 84.000 im August die Prognosen der Analysten leicht. "Die Arbeitslosigkeit steigt nun in allen Bereichen der Wirtschaft. Das wird sich auch auf die Konsumausgaben auswirken", sagt David Resler, Volkswirt bei Nomura Securities. Die am Freitag anstehenden Einzelhandelsumsätze für August dürften die schwierige Lage der US-Konsumenten untermauern.

Nachdem der Euro vergangene Woche einen Kursrutsch hinlegte und am Freitag zeitweise unter 1,41 $ sackte, sind die Bankexperten uneins, wie es weitergeht. Während Keller davon ausgeht, dass die Marke von 1,40 $ zunächst halten wird, erwarten andere weitere Kursverluste. Aus Sicht von Keller werden die Investoren ihre zuletzt eher positive Einschätzung der Konjunktur in den USA nach den jüngsten Daten überprüfen müssen.

Die Analysten der DZ Bank sind dagegen überzeugt, dass die US-Währung die Trendwende geschafft hat und "wir einen nachhaltigen Stimmungswandel gegen den Euro attestieren müssen". Auch bei vielen Schwellenländer-Währungen - vor allem in Asien - sei der Aufwärtstrend inzwischen gebrochen. Auch aus Sicht der West-LB-Experten deuten die Konjunktursignale aus dem Euroraum eher auf weiteres Abwärtspotenzial für den Euro zum US-Dollar.

 

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