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Nur Standardindizes abbilden - das ist der ETF-Branche nicht mehr genug. Längst lassen sich mit börsengehandelten Indexfonds (Exchange-Traded Funds, ETFs) exotische Länder ins Depot legen, Nischenthemen spielen oder Dividendenstrategien umsetzen. Die drei Gründe, weshalb immer mehr Anleger zum ETF greifen, sind die gleichen geblieben: Sie sind billig, transparent und einfach zu handeln. Doch zumindest mit der Transparenz hapert es bei einer ETF-Gattung: Short- und Hebelprodukte versprechen, einen Index gespiegelt abzubilden oder die Wertentwicklung zu verdoppeln. Doch ihre Funktionsweise ist so kompliziert, dass sie viele Anleger enttäuscht
zurücklassen werden."Es ist offensichtlich, dass viele Anleger diese Produkte halten und nicht verstehen, wie sie funktionieren", sagt Deborah Fuhr, die die Analyseabteilung des Anbieters Barclays Global Investors (BGI (BGII.PK - Nachrichten) ) leitet und den ETF-Markt seit vielen Jahren beobachtet. Bei hoher Volatilität werde der durchschnittliche Anleger sein Vermögen in Hebel- und Short-ETFs dahinschmelzen sehen, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten BGI-Studie. Der Grund: Die Fonds sind in der Regel so konstruiert, dass sie ihr Renditeversprechen zwar auf Sicht eines Tages einhalten. Nach einigen Wochen oder Monaten hat das Ergebnis dagegen oft nichts mehr mit der eigentlich erwarteten Entwicklung zu tun.
Wenn man diese Fonds über den zugrunde liegenden Berechnungszeitraum hinweg halte, könnten "sehr schlimme Dinge" passieren, sagt Paul Justice, ETF-Stratege bei der Ratingagentur Morningstar. "Solche ETFs eignen sich für weniger als ein Prozent der Investoren. Bedenkt man, dass diese Fonds in den vergangenen Jahren Milliarden eingesammelt haben, liegt es auf der Hand, dass viele Anleger sie falsch einsetzen."
In den USA verwalten 94 Hebel- und Short-ETFs inzwischen insgesamt 30 Mrd. $. Der europäische Markt ist kleiner, doch auch deutsche Anleger können nicht über mangelnde Auswahl klagen: An der Deutschen Börse (Xetra: 581005 - Nachrichten) sind drei Hebel- und 13 Short-ETFs gelistet. Ende März verwalteten die Anbieter Deutsche Bank (DB X-Trackers), Commerzbank (Comstage) und Société Générale (Paris: FR0000130809 - Nachrichten) (Lyxor) in diesen Produkten immerhin 1,7 Mrd. Euro.
Die Tücke steckt in einem unscheinbaren Detail der Prozentrechnung. Notiert etwa der Dax (Xetra: Nachrichten) bei 5000 Punkten und klettert an einem starken Börsentag um 250 Punkte, gewinnt er fünf Prozent. Der ShortDax würde an diesem Tag fünf Prozent verlieren. Gibt der Dax allerdings tags darauf seine Gewinne wieder ab und fällt auf 5000 Zähler zurück, legt der ShortDax nicht etwa um fünf Prozent zu. Sein Tagesplus beträgt dann 4,76 Prozent - eben jenen prozentualen Verlust, den der Dax beim Rückgang von 5250 auf 5000 Punkte erlitten hat.
So kann es passieren, dass der ShortDax in den vergangenen sechs Monaten fast zwölf Prozent an Wert verloren hat, obwohl der Dax nur gut acht Prozent im Plus notiert. "Anleger haben immer wieder ein intuitives Verständnisproblem mit dem ShortDax", räumte Hartmut Graf, Leiter der Indexabteilung der Deutschen Börse, schon vor Monaten ein. "Allerdings ist die tägliche Fixierung des Hebels der transparenteste Weg, einen ShortDax zu berechnen. Spiegelt ein Short-Index nur über einen längeren Zeitraum sein Pendant, sind wiederum die Tagesveränderungen nicht nachvollziehbar." Noch extremer sind die Verwerfungen beim LevDax x4, der Tag für Tag den vierfachen Dax-Ertrag wiedergibt. Bei einer Dax-Performance von acht Prozent auf Sicht von sechs Monaten wäre intuitiv ein Plus von 32 Prozent zu erwarten. Tatsächlich aber notiert der Index mehr als fünf Prozent im Minus. Glück für Investoren: Den LevDax x4 gibt es, anders als den LevDax x2, nicht in einer Fondshülle. Ermanno Pascutto, Chef der kanadischen Anlegerschutzvereinigung FAIR, fordert die Regulierungsbehörden dazu auf, Anleger vor den Gefahren dieser Produkte zu warnen. "Je länger man einen Hebel- oder Short-ETF hält, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Geld verliert, egal in welche Richtung man wettet", sagt er. In einer Kurzstudie führt FAIR einen Goldaktienindex auf, der in den zwölf Monaten zum 31. März um ein Prozent gestiegen ist. Ein ETF, der den Index mit zweifachem Hebel abbilde, habe dagegen 46 Prozent an Wert verloren. "Hebel- und Short-ETFs gefährden die finanzielle Gesundheit von Anlegern", heißt es in der Studie. Die ETF-Anbieter preisen die Produkte nicht als Langzeitinvestition an, darum ist ihnen in dieser Hinsicht kein Vorwurf zu machen. Die Frage, ob die Anleger wirklich ausreichend über die Risiken eines Investments aufgeklärt wurden, muss sich die Branche aber gefallen lassen. Michael Sapir, Chef von Proshare Advisors, dem US-Marktführer auf diesem Segment, hält dagegen: Die Strategie-ETFs seien für erfahrene Anleger mit mittlerem Anlagehorizont durchaus geeignet - vorausgesetzt natürlich, sie behielten ihr Depot genau im Auge. Der kanadische Anlegerschützer Pascutto kommt zu einem anderen Fazit: "Nicht alle Produkte sollten allen Investoren verkauft werden."
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