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"Sowas kann man im Ausland nicht herstellen" von handelsblatt.com
Donnerstag 11. Juni 2009, 11:42 Uhr

 

Bernhard Rösner ist Geschäftsführer des Heidelberger Schreibgeräteherstellers Lamy. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der schwäbische Volkswirt über die Konkurrenz aus Asien auf dem Markt für Schreibgeräte, die Kraft des Designs und die Vorteile deutscher Produktion.

Herr Rösner, wann haben Sie den letzten Brief per Hand geschrieben?

Zu Weihnachten und zum Jahreswechsel.

Da sind Sie aber eine Ausnahme. Geschrieben wird im digitalen Zeitalter kaum noch per Hand.

Es wird zwar weniger, aber weiterhin per Hand geschrieben. Auch im Computerzeitalter behauptet der Füllhalter seinen Platz. Schreiben mit der Hand ist eine ganz besondere Ausdrucksform, seine Persönlichkeit darzustellen. Seine Gedanken mit Zeit und Muße zu ordnen, ist heute ein Luxus, auf den die Menschen nicht verzichten wollen. Außerdem ist das Schreibgerät ein Accessoire, vor allem für den Mann.

Ein Füller als
Ersatz für den Ring? Ich würde eher sagen eine Ergänzung zur Uhr. Wir stellen gut durchdachte, schöne Produkte her. Das Design ist tragendes Element der Marke.

Spüren Sie die derzeitige Krise denn gar nicht?

Im Gegenteil, sie führt uns sogar noch Kunden zu. Wir sind mit dem Jahresbeginn jedenfalls sehr zufrieden. Menschen, die sonst vielleicht ein Schreibgerät aus dem Luxussegment gekauft hätten, entdecken jetzt unser funktionales, modernes Design zu einem vernünftigen Preis.

Nur das Design?

Das Design bei Lamy definieren wir als funktionales Design. Das Ziel ist ein ergonomisch richtiges, funktionstüchtiges, benutzerfreundliches Schreibgerät. Das Design betrachten wir ganzheitlich als Unternehmensdesign. Es bezieht sich auf das Produkt, aber auch auf den Auftritt und die Darstellung des gesamten Unternehmens.

Das gilt nur für Führungskräfte?

Absolut nicht. Die Mitarbeiter des gesamten Unternehmens bringen ein gutes Gespür für Design und Kunst mit. Sie sagen uns durchaus, wenn sie der Meinung sind, dass ein neues Produkt nicht zu Lamy passt. Auch unsere regelmäßig stattfindenden Vernissagen bedeutender Künstler werden von allen Mitarbeitern besucht und geschätzt.

Ästhetische Prämissen beeinflussen also betriebswirtschaftliche Entscheidungen?

Da sind wir etwas ungewöhnlich. Unsere Produkte sind nicht danach konzipiert, dass sie einfach zu produzieren sind. Dann wäre das Prinzip "Form follows Function" nicht umzusetzen, dann müssten wir ein an der Herstellung orientiertes Design wählen. Unsere Produkte sind aber jeweils ganz originär und werden immer wieder neu entwickelt.

Design als Vehikel, sich im Massengeschäft zu behaupten, ist das ihr Erfolgsrezept?

Produkte werden heute stark über das Design vermarktet. Nicht unbedingt über Fashion Design wie in der Mode, sondern über ausdrucksstarkes, unverwechselbares Industriedesign. Das kommt Lamy zu Gute. Nehmen sie unseren Schulfüller Safari mit deutlich über 60 Prozent Marktanteil. Da kann man beim Design nichts mehr verbessern. Wenn der Verbraucher wechselt, dann wechselt er das ganze System, er greift also zum Beispiel zum Kugelschreiber.

Aber gibt es bei einem Standardgerät wie etwa einem Füllhalter noch echte Innovationen?

Wir präsentieren noch in diesem Jahr ein Produkt, ein außergewöhnliches Schreibgerät, das es so auf dem Markt nicht gibt - auch technologisch nicht. Ein klares Premiumprodukt. Das bringt uns in ein Preissegment, das etwas höher als unser bisheriges ist. Der neue Füllhalter ist ein typischer Lamy: viel Wert für einen guten Preis. An der Realisierung arbeiten wir schon seit neun Jahren.

Wollen Sie uns erzählen, dass man an einem Schreibgerät neun Jahre entwickelt? Ein Auto kommt schneller auf den Markt.

Auch ein gutes Schreibgerät ist sehr komplex. Viele unterschätzen den Aufwand der in einem Schreibgerät steckt, gerade, wenn er in Funktionalität und Design einzigartig sein soll.

Aber was kann der neue, was bisherige Stifte nicht können?

Das kann und will ich nicht verraten. Wir haben offen gestanden noch nicht einmal den Erlkönig. Aber er wird dieses Jahr kommen und Dialog (7277.KL - Nachrichten) 3 heißen. Er setzt also eine Produktgattung fort, in der wir mit bekannten Designern im Dialog arbeiten.

Was hat ein Designer davon, ein Schreibgerät für Lamy zu gestalten?

Wer sich mit Design beschäftigt, arbeitet gerne für Lamy. Wir zählen zu den bedeutenden Designunternehmen in Deutschland. Wir sind dafür bekannt, dass wir mit etablierten Designern arbeiten, für die die Zusammenarbeit mit Lamy immer eine besondere Herausforderung ist, denn es gilt die eigene Kreativität und das eigene Können auf gerade einmal 13 Zentimetern auszuleben. Da wird nichts verziehen. Und am Ende erhält der Designer neben dem Renommee auch Lizenzgebühren.

Ärgert Sie nicht die Konkurrenz etwa aus Asien?

Nicht wirklich - die asiatische Konkurrenz arbeitet im Niedrigpreissegment. In diesem sind wir nicht vertreten. Wir wollen auch nicht in dieses Umfeld, weil wir dann mit "Made in Germany" nicht wettbewerbsfähig wären.

Aber auch ein Familienunternehmen wie Lamy ist keine altruistische Veranstaltung. Können Sie mit diesem Konzept überleben?

Da bin ich mir ganz sicher. Wir haben alleine in Deutschland 6 000 Schreibwarenfachhändler und zusätzlich ein interessantes Industriegeschäft. Mit dem europäischen Ausland und den Märkten Amerika, Südamerika und Asien haben wir ein weiteres sicheres Standbein. Ich bin sehr zufrieden mit dem Abverkauf unserer Produkte, auch in der Krise.

Sie produzieren in Deutschland, bei einer Fertigungstiefe von 90 Prozent. Andere wären längst ins Ausland abgewandert. Sie nicht?

Sie haben Recht, wir fertigen hier mit deutschen Löhnen. Also müssen unsere Produkte das rechtfertigen. Ich bin überzeugt, dass ein Lamy in Lamy-Qualität nicht im Ausland hergestellt werden kann.

Hilft es Ihnen, ein Familienunternehmen und kein börsennotiertes Unternehmen zu sein?

Ja. Die klare Eigentümerstruktur und ein solider, verantwortungsvoller Umgang mit den Finanzen erlauben uns, unsere Philosophie der Unabhängigkeit zu leben. Wir sind ein mittelständisches Familienunternehmen mit einer Unternehmensbilanz, die ohne Bankverbindlichkeiten auskommt.

Das klingt nach einer vernünftigen Rendite. Wie hoch ist die?

Wir haben eine gesunde Umsatzrendite, die es uns erlaubt, unsere Investitionen aus den eigenen Mitteln zu tätigen.

Die Fragen stellten Jens Koenen und Armin Ulm.

Eine ganz eigene Marke

Geschichte

Die Geschichte von Lamy beginnt eigentlich 1962. In dem Jahr tritt Manfred Lamy in das Familienunternehmen ein. Zwar ist Lamy zu der Zeit bereits eine feste Größe unter den Schreibgeräteherstellern, doch gefertigt wird Standard, vor allem dickbauchige Füller. Doch Manfred Lamy will eine ganz eigene Marke etablieren. Der Plan wird realisiert, als er zufällig den Designer Gerd A. Müller trifft, der schon den legendären Rasierer Braun Sixtant entworfen hatte. Die Idee: Schreibgeräte im klaren Bauhausstil. Das erste Exemplar ist der Lamy 2000, sofort ein Verkaufsschlager, der dem Zeitgeist der 60er-Jahre entspricht.

Marktposition

Die Marktstellung von Lamy zu beurteilen ist nicht einfach. Einerseits hat sich das Unternehmen von den reinen Massenherstellern vor allem aus Asien nach oben abgesetzt. Andererseits bewegt sich die Marke aber nicht im Luxussegment von Firmen wie Montblanc, Cleo und Montegrappa. Lamy selbst bezeichnet die eigene Nische als Premium. Und hier sehen sich die Heidelberger als klarer Marktführer in Deutschland, aber auch in Europa.

 

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