|
Edersee (ddp-hes) Otto Wilhelmi hat aufgehört, sich zu ärgern.
«Die Saison ist sowieso langsam zu Ende, sagt er. Da könne es ihm
egal sein, ob der Edersee voll sei oder nicht. Und zurzeit ist er so
leer wie selten: Die wenigen Urlauber, die auf Wilhelmis Campingplatz
in Asel-Süd noch ihre Zelte aufgeschlagen haben, sehen schon seit
Wochen keine glitzernde Wasserfläche mehr. Stattdessen erlauben die
schwindenden Wassermassen Blicke auf Überreste längst versunkener
Dörfer.
Am westlichen Ende von Hessens größter Talsperre breitet sich eine
Schlamm- und Wüstenlandschaft
aus, durch die sich die Eder als
schmales Flüsschen ihren Weg sucht «Im Juli wäre das natürlich eine
Katastrophe gewesen, meint Wilhelmi. Aber da sei, zum Glück, das
Wasser noch da gewesen.
Jetzt ist es weg Denn der Stausee im nordhessischen Waldecker
Land dient eigentlich gar nicht in erster Linie dem Tourismus,
sondern der Schifffahrt auf der Weser. Jedes Jahr wird nach und nach
das Wasser abgelassen, damit Ausflugsdampfer und Lastkähne in dem
Fluss nicht auf Grund laufen. In diesem Jahr aber wurde der Edersee
so früh und so stark angezapft wie lange nicht mehr: Weil der Pegel
der Weser für einen Schwertransport Ende August kurzfristig um 40
Zentimeter angehoben werden musste, sank der Wasserspiegel im Edersee
binnen weniger Tage um sechs Meter. Und seitdem geht es trotz des
feuchten Wetters weiter bergab - allerdings nicht mehr so schnell.
Derzeit ist der See an der tiefsten Stelle nur noch rund 20 Meter
tief - weniger als halb so viel wie bei Vollstau Und um gute fünf
Meter könnte der Pegel noch sinken, bevor der Abfluss an der
Sperrmauer gedrosselt werden muss. Zuletzt wurde dieser Tiefststand
nach dem extrem trockenen Sommer 2003 erreicht. «Es ist zu
befürchten, dass der Pegel jetzt wieder so weit heruntergefahren
werden muss, sagt Katrin Urbitsch, Leiterin des zuständigen Wasser-
und Schifffahrtsamts in Hannoversch Münden. «Nur wenn wir vernünftige
Regenereignisse bekommen, muss das nicht unbedingt passieren.
Manch einen in der Region lässt das vernehmlich grummeln -
Gastronomen ebenso wie Ausflugsschiffer oder Segelsportler «Der
Edersee lebt vom Wasser, deshalb heißt er auch Edersee und nicht
Mondlandschaft, spricht einer aus, was viele denken. Harald
Plünnecke, Bürgermeister der besonders stark betroffenen Gemeinde
Vöhl und Vorsitzender des Zweckverbands Naturparks
Kellerwald-Edersee, sieht das ganz anders: «Das ist gar kein Problem,
im Gegenteil, sagt der Sozialdemokrat. «Leider Gottes sind unsere
Hoteliers nur noch nicht bereit, aus der Not eine Tugend zu machen.
Mit «Tugend meint der streitbare Kommunalpolitiker: die
Vermarktung des leeren Sees als Touristenattraktion Denn immer, wenn
in dem nordhessischen Binnenmeer das Wasser weicht, dann taucht auf,
was man hier «Edersee-Atlantis nennt: die Überreste der Ortschaften,
die beim Bau des 28 Kilometer langen Stausees überflutet wurden.
Vor genau hundert Jahren, im Jahre 1908, begann die Errichtung der
Sperrmauer Sechs Jahre später verwandelte sich das Tal der Eder in
einen der größten künstlichen Seen in Deutschland. Drei Dörfer und
etliche Gehöfte wurden aufgegeben, 900 Menschen mussten umziehen.
Doch ihre frühere Heimat verschwand nicht spurlos. In Asel, nicht
weit von Wilhelmis Campingplatz entfernt, hat sich unter den
Wassermassen eine steinerne Straßenbrücke erhalten. Weiter östlich
lassen sich alte Friedhöfe und Terrassengärten erkennen. Von dem
untergegangenen Dorf Berich stehen sogar noch Mauerreste. Und wenn
der Pegel um weitere zwei Meter fallen sollte, wird sich hier auch
noch ein Modell der Staumauer aus den Fluten erheben.
Erstmals bietet die Edersee-Touristic in diesem Jahr Führungen
durch die Ruinen an und verspricht «einzigartige Wanderwochen Und
der Plan scheint aufzugehen: Die Tagesausflügler strömen in Scharen -
zumal es die letzte Gelegenheit sein könnte, die Talsperre im Sommer
derart trocken zu erleben. Das Wasser- und Schifffahrtsamt hat auf
die inständige Bitte von Edersee-Gemeinden und Touristikern
versprochen, künftig auf Weserschiffe mit geringerem Tiefgang zu
drängen. Und in der Hauptferienzeit soll der See nicht mehr
geschröpft werden.
Otto Wilhelmi hat diese Nachricht mit Erleichterung aufgenommen
Eine gewisse Skepsis aber kann er nicht verhehlen: «Ich hoffe sehr,
sagt der Campingplatz-Betreiber, «dass das auch funktioniert, was man
uns zugesagt hat.
(ddp)
| |
|