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Atlantis in Nordhessen
Samstag 13. September 2008, 11:23 Uhr

 

Edersee (ddp-hes) Otto Wilhelmi hat aufgehört, sich zu ärgern. «Die Saison ist sowieso langsam zu Ende, sagt er. Da könne es ihm egal sein, ob der Edersee voll sei oder nicht. Und zurzeit ist er so leer wie selten: Die wenigen Urlauber, die auf Wilhelmis Campingplatz in Asel-Süd noch ihre Zelte aufgeschlagen haben, sehen schon seit Wochen keine glitzernde Wasserfläche mehr. Stattdessen erlauben die schwindenden Wassermassen Blicke auf Überreste längst versunkener Dörfer.

Am westlichen Ende von Hessens größter Talsperre breitet sich eine Schlamm- und Wüstenlandschaft
aus, durch die sich die Eder als schmales Flüsschen ihren Weg sucht «Im Juli wäre das natürlich eine Katastrophe gewesen, meint Wilhelmi. Aber da sei, zum Glück, das Wasser noch da gewesen.

Jetzt ist es weg Denn der Stausee im nordhessischen Waldecker Land dient eigentlich gar nicht in erster Linie dem Tourismus, sondern der Schifffahrt auf der Weser. Jedes Jahr wird nach und nach das Wasser abgelassen, damit Ausflugsdampfer und Lastkähne in dem Fluss nicht auf Grund laufen. In diesem Jahr aber wurde der Edersee so früh und so stark angezapft wie lange nicht mehr: Weil der Pegel der Weser für einen Schwertransport Ende August kurzfristig um 40 Zentimeter angehoben werden musste, sank der Wasserspiegel im Edersee binnen weniger Tage um sechs Meter. Und seitdem geht es trotz des feuchten Wetters weiter bergab - allerdings nicht mehr so schnell.

Derzeit ist der See an der tiefsten Stelle nur noch rund 20 Meter tief - weniger als halb so viel wie bei Vollstau Und um gute fünf Meter könnte der Pegel noch sinken, bevor der Abfluss an der Sperrmauer gedrosselt werden muss. Zuletzt wurde dieser Tiefststand nach dem extrem trockenen Sommer 2003 erreicht. «Es ist zu befürchten, dass der Pegel jetzt wieder so weit heruntergefahren werden muss, sagt Katrin Urbitsch, Leiterin des zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamts in Hannoversch Münden. «Nur wenn wir vernünftige Regenereignisse bekommen, muss das nicht unbedingt passieren.

Manch einen in der Region lässt das vernehmlich grummeln - Gastronomen ebenso wie Ausflugsschiffer oder Segelsportler «Der Edersee lebt vom Wasser, deshalb heißt er auch Edersee und nicht Mondlandschaft, spricht einer aus, was viele denken. Harald Plünnecke, Bürgermeister der besonders stark betroffenen Gemeinde Vöhl und Vorsitzender des Zweckverbands Naturparks Kellerwald-Edersee, sieht das ganz anders: «Das ist gar kein Problem, im Gegenteil, sagt der Sozialdemokrat. «Leider Gottes sind unsere Hoteliers nur noch nicht bereit, aus der Not eine Tugend zu machen.

Mit «Tugend meint der streitbare Kommunalpolitiker: die Vermarktung des leeren Sees als Touristenattraktion Denn immer, wenn in dem nordhessischen Binnenmeer das Wasser weicht, dann taucht auf, was man hier «Edersee-Atlantis nennt: die Überreste der Ortschaften, die beim Bau des 28 Kilometer langen Stausees überflutet wurden.

Vor genau hundert Jahren, im Jahre 1908, begann die Errichtung der Sperrmauer Sechs Jahre später verwandelte sich das Tal der Eder in einen der größten künstlichen Seen in Deutschland. Drei Dörfer und etliche Gehöfte wurden aufgegeben, 900 Menschen mussten umziehen. Doch ihre frühere Heimat verschwand nicht spurlos. In Asel, nicht weit von Wilhelmis Campingplatz entfernt, hat sich unter den Wassermassen eine steinerne Straßenbrücke erhalten. Weiter östlich lassen sich alte Friedhöfe und Terrassengärten erkennen. Von dem untergegangenen Dorf Berich stehen sogar noch Mauerreste. Und wenn der Pegel um weitere zwei Meter fallen sollte, wird sich hier auch noch ein Modell der Staumauer aus den Fluten erheben.

Erstmals bietet die Edersee-Touristic in diesem Jahr Führungen durch die Ruinen an und verspricht «einzigartige Wanderwochen Und der Plan scheint aufzugehen: Die Tagesausflügler strömen in Scharen - zumal es die letzte Gelegenheit sein könnte, die Talsperre im Sommer derart trocken zu erleben. Das Wasser- und Schifffahrtsamt hat auf die inständige Bitte von Edersee-Gemeinden und Touristikern versprochen, künftig auf Weserschiffe mit geringerem Tiefgang zu drängen. Und in der Hauptferienzeit soll der See nicht mehr geschröpft werden.

Otto Wilhelmi hat diese Nachricht mit Erleichterung aufgenommen Eine gewisse Skepsis aber kann er nicht verhehlen: «Ich hoffe sehr, sagt der Campingplatz-Betreiber, «dass das auch funktioniert, was man uns zugesagt hat.

(ddp)

 


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