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Financial Times Deutschland
Zertifikate tun dem Aktienmarkt gut von Martin Ahlers, Hans-Jürgen Möhring
Mittwoch 18. November 2009, 07:54 Uhr

 

Ein Kritikpunkt, dem sich die Derivatebranche immer wieder ausgesetzt sieht, betrifft den Einfluss von Zertifikaten und Hebelprodukten auf den Aktienmarkt. Danach würden am Derivatemarkt inzwischen derart hohe Volumina bewegt, dass der Einsatz dieser Produkte die Ausschläge an den Börsen sowohl in die eine als auch in die andere Richtung erheblich verstärken würde. In Übertreibungsphasen nach oben trügen Zertifikate damit zur Entstehen von Spekulationsblasen bei, in Krisensituationen würden sie überproportionale Kursbewegungen nach unten noch verstärken und so für zunehmende Schwankungen an den Aktienmärkten sorgen.

Tatsache ist: Unter
den Produkten am deutschen Derivatemarkt entfällt der Löwenanteil auf aktienbasierte Zertifikate und Hebelpapiere. Im Jahr 2008 etwa lag das Marktvolumen zwischen 80 und 132 Mrd. Euro. Durchschnittlich 80 Prozent davon betraf Zertifikate auf Aktien und Aktienindizes. Auch wenn sich der Anteil der Dividendenpapiere infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen verringert hat, bleiben Aktien das dominierende Basisprodukt für die Derivateindustrie.

Welchen Einfluss das Anlageverhalten von Zertifikatekäufern auf den Aktienmarkt hat, wurde in einer Studie von Sigrid Müller, Direktorin des Instituts für Finanzierung an der Humboldt-Universität Berlin, im Auftrag des DDV jetzt erstmals wissenschaftlich untersucht. Wichtigste Erkenntnis: Sowohl die Emission von Kapitalschutzprodukten als auch von Discount- und Bonuszertifikaten kann zu positiven Preiseffekten bei den zugrunde liegenden Basiswerten führen. "Zertifikate tun dem Aktienmarkt gut", so die Botschaft von Müller.

Erklären lässt sich dieser Effekt mit der Wirkung der in den Zertifikaten enthaltenen Optionskomponenten, ist aus der Studie zu erfahren. So werden in die Produkte eingebaute Kaufoptionen von den Emittenten verkauft und gleichzeitig zur Absicherung ein Anfangsbestand in dem jeweiligen Underlying, in diesem Fall Aktien, aufgebaut. Durch diese Transaktion erhöht sich die Nachfrage - mit positiven Preiseffekten für die Aktien.

Allerdings betrachten die Emittenten nicht jedes Papier einzeln. Vielmehr sammeln sie sämtliche Positionen in ihrem Handelsbuch und sichern nur die Nettorisikoposition ab. So wird etwa der zur Absicherung eines Kapitalschutzzertifikats erforderliche Kauf einer Kaufoption mit dem zur Absicherung eines Discounters erforderlichen Verkauf einer Kaufoption verrechnet. Die positiven Preiseffekte auf den Basiswert werden durch diese Vorgehensweise erheblich reduziert. "Das ist übrigens auch ein Grund dafür, dass die Kosten, die für das Hedging eines einzelnen Zertifikats anfallen, in der Regel nicht genau zu ermitteln sind - auch wenn dies von einigen politischen Entscheidern und Anlegerschutzverbänden immer wieder gefordert wird", sagt Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des DDV.

Auch hinsichtlich der Volatilität kommt Müller zu einem positiven Ergebnis. Danach lassen sich durch die Emission von Zertifikaten - Auslöser sind auch hier die eingebauten Optionen - Schwankungen der Aktienkurse reduzieren. Gleichzeitig erhöht sich das Handelsvolumen und damit die Liquidität des Basiswertes. Folge: Das Underlying kann zu geringeren Spreads gehandelt werden. Darüber hinaus, so Müller, sorgen die Optionen dafür, dass sich Informationen schneller in den Aktienkursen widerspiegeln. Auch hinsichtlich einer effizienteren Informationsverarbeitung wirkten sich Zertifikate somit positiv auf die Marktqualität aus.

Nicht zuletzt verdeutliche die Studie die weitreichenden Folgen einer Regulierung des Zertifikatemarkts: das Zusammenspiel mit dem Aktienmarkt zu berücksichtigen sei. "Beschränkungen auf dem Zertifikatemarkt hätten auch unmittelbare Folgen für den Aktienmarkt", so Müller.

 

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