Der Schnüffelwahn der Telekom kannte offenbar keine Grenzen. Erst durchleuchtete das Unternehmen Telefondaten, dann Bankkonten - und schließlich auch das Sexleben sogenannter Zielpersonen. Das zeigen Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen - und tief in die Abgründe der Telekom blicken lassen.
DÜSSELDORF. Die von der Spitzelaffäre erschütterte Deutsche Telekom (Xetra: 555750 - Nachrichten) hat in bisher nicht bekanntem Ausmaß auch das Privatleben von Bewerbern durchleuchten lassen. Zugegeben hat das Unternehmen bisher die Überwachung von Aufsichtsräten und Journalisten in Deutschland. Am Wochenende wurde bekannt, dass die Konzernsicherheit auch Bankkonten von Mitarbeitern ausforschen ließ. Jetzt zeigen Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen: Im Ausland machte die Telekom bei ihrer Spitzelei nicht einmal vor dem Intimleben
der sogenannten Zielpersonen halt. "Maya (Name geändert) steht im Ruf, im Bett eine sehr erfahrene und erfindungsreiche Sexpartnerin zu sein", heißt es in einem Bericht mit dem Aufdruck "Konzernsicherheit Personalscreening" vom 22. April 2004. Seitenweise wird über die Managerin eines kroatischen Telekomunternehmens berichtet, welche Liebhaber sie hatte und über ihren "vorzüglichen Umgang mit älteren Männern". Sogar der Ruf ihrer Schwester als "aktive Vertreterin der freien Liebe" fand Eingang in die Telekom-Akten. Über die Frau selbst heißt es blumig: "In ihrem persönlichen Umfeld wird sie als weibliches Raubtier mit einem erheblich erhöhten Sexbedürfnis beschrieben." Die Frau, deren Intimleben in den Akten der Konzernsicherheit landete, sollte eine Führungsposition bei der kroatischen Tochter einnehmen. "Es ist doch klar, dass ein Unternehmen in diesen Ländern wissen muss, mit wem man es zu tun hat", sagt ein ehemaliger Sicherheitsberater der Telekom. Als Vorsichtsmaßnahme seien Personalscreenings inklusive Ausleuchtung des Intimlebens absolut üblich. Er habe gesicherte Erkenntnisse, dass die Telekom in Ländern wie Kroatien, Mazedonien, Slowenien und Ungarn Dutzende solcher Abfragen durchführen ließ. Die Telekom versichert dagegen, dass sie generell keine Analysen zum privaten Umfeld von Bewerbern anfertigen lasse. Allerdings habe die Konzernsicherheit der Personalabteilung Ende 2004 ein Bewerberprofil als Beispiel für mögliche Personalscreenings präsentiert, das auch private Informationen enthalten habe. "Der Vorschlag, diese Art Screenings als Standard einzuführen, wurde von der Personalabteilung abgelehnt", heißt es bei der Telekom. Unüblich sind Überprüfungen von Kandidaten für Führungspositionen bei deutschen Unternehmen jedoch nicht, Experten empfehlen sie sogar. "Es wird zum Beispiel überprüft, ob jemand wirklich das Diplom hat, das im Lebenslauf steht", sagt ein ehemaliger Staatsanwalt, der heute als Sicherheitsexperte bei einer großen deutschen Unternehmensberatung arbeitet. Abgeklopft werde alles, was für das Unternehmen wichtig sein könne. Aufträge, das Intimleben einer Person auszuspähen, habe er jedoch weder je erhalten, noch würde er sie annehmen. Das Dossier über die Frau, das an die Telekom ging, hat eine deutsche Detektei erstellt. Bei der Ausforschung von Zielpersonen im Ausland setzte die Telekom im Jahr 2004 aber nicht nur auf die Privatwirtschaft. Wie die Akten der Konzernsicherheit zeigen, war auch der Bundesnachrichtendienst eine Quelle. So findet sich in den Akten eine Beschreibung einer Zielperson: "Danach ist M. ... in Zagreb als heftiger Trinker und, so D. wörtlich, als korrupte Ratte bekannt!" Die Ausführungen haben die Überschrift: "Quelle: BND (A047940.KQ - Nachrichten) ". Der Bundesnachrichtendienst sagte auf Anfrage, er prüfe den Vorgang. Eine Kommentierung sei derzeit noch nicht möglich. Insider verweisen bei den Vorgängen in Kroatien auf die erheblichen Schwierigkeiten, mit denen die Telekom auf dem Balkan und in Osteuropa seit Jahren kämpft. Im Konzernumfeld heißt es, dort müsse "ein Sumpf von Korruption und Bestechung" ausgetrocknet werden. Vor allem die ungarische Telekom-Tochter Magyar Telekom ist in das Visier von internationalen Ermittlungsbehörden geraten. Nachdem die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers im Jahresabschluss 2005 verdächtige Zahlungen fanden und den Ungarn das Testat versagten, haben unter anderem die US-Börsenaufsicht SEC und das amerikanische Justizministerium die Bücher des in den USA notierten Unternehmens unter die Lupe genommen. Es geht um Beraterverträge bei Töchtern der Ungarn in Montenegro und Mazedonien, für die in den Büchern keine Gegenleistungen ersichtlich waren. In der Branche heißt es, dabei sei Geld an die lokale Regierung geflossen, um sich mehr Freiheiten bei der Regulierung zu sichern. Einen Abschlussbericht der Ermittler gibt es noch nicht. In einem Zwischenbericht vom Mai vergangenen Jahres kommt die amerikanische Kanzlei White & Case, die Magyar selbst mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragt hat, aber im Fall von Mazedonien zu einem eindeutigen Ergebnis: Es gebe "Beweise für die Unrechtmäßigkeit in der Gestaltung und/oder Ausführung" von sechs Verträgen für Beratung, Marketing, Kaufprüfung (Due Diligence) und/oder Lobbyarbeit in Mazedonien in den Jahren 2004 bis 2006. Die Verträge haben einen Wert von 6,7 Mio. Euro und wurden zwischen Magyar und einer Beraterfirma auf Zypern geschlossen. Im Umfeld der Telekom heißt es, mit der intensiven Durchleuchtung von Bewerbern habe der Konzern versuchen wollen, eine gewisse Kontrolle sicherzustellen. Grundsätzlich wisse die Telekom überhaupt nicht, was sich in Südosteuropa tue, weil sie ihre Auslandstöchter bislang wie eine Finanzbeteiligung geführt habe: Der Vorstandsvorsitzende ist bei Übernahmen in der Regel an Bord geblieben, die Telekom hat allenfalls einen deutschen Finanzchef berufen. In der Branche heißt es, vor allem die Chefs der Töchter in Griechenland, Kroatien und Slowenien seien politisch extrem gut verdrahtet. Würde die Telekom sie austauschen, müsste sie strengere Vorschriften der Regierung fürchten - etwa bei der Regulierung. Die Telekom selbst argumentiert, lokale Manager würden die Märkte besser kennen und könnten gut Trends einschätzen. Vor dem Hintergrund der Probleme in der Region erscheint es umso wichtiger, dass die Telekom Anfang März ein eigenes Vorstandsressort für Südosteuropa geschaffen hat. Offiziell begründet sie den Schritt mit dem Zukauf der griechischen OTE (Stuttgart: 903465 - Nachrichten) , die mehrere Töchter in Osteuropa besitzt. Die Region werde dadurch so groß, dass ein eigenes Ressort angemessen sei, heißt es in Bonn.
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