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Financial Times Deutschland
Pleiten, Pech und Zertifikate von Sarah Speicher-Utsch, Christian Kirchner, Meike Schreiber (
Mittwoch 28. Oktober 2009, 22:12 Uhr

 

Mit Krediten für die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz , mit Zertifikatewetten, Industriebeteiligungen und Immobiliengeschäften: Sal. Oppenheim ist als privat geführte Bank hohe Risiken eingegangen, um den Gewinn zu steigern - und vertrauten Personen unter die Arme zu greifen. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg schrieb die Bank 2008 dann Verluste. Einige Bankgesellschafter bürgten sogar persönlich für Kredite an Quelle-Erbin und Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz.

Nun geht das Geldhaus nach 220 Jahren Unabhängigkeit in der Deutschen Bank auf. Eine Analyse.

Arcandor Die Kölner haben schlechtem Geld gutes nachgeworfen:
Was mit einem Kredit an die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz begann, endete mit Anteilen des mittlerweile insolventen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor . Begonnen hat die Geschäftsbeziehung schon vor mehr als zehn Jahren. Damals stellte Sal. Oppenheim Schickedanz den Kredit für die Fusion von dem Versandhaus Quelle mit dem Einzelhandelskonzern Karstadt - es soll mehr als 1 Mrd. DM gewesen sein. 2005 folgten dann ein weiteres Mal mindestens 300 Mio. Euro.

Doch das verschmolzene Unternehmen, das später in Arcandor umbenannt wurde, entpuppte sich als Sanierungsfall. Trotzdem beteiligte sich die Bank Ende 2008 mit fast 30 Prozent, indem sie eine Kapitalerhöhung zeichnete und Schickedanz Aktien abkaufte. Was erst kürzlich bekannt wurde: Die persönlich haftenden Gesellschafter Matthias Graf von Krockow und Christopher Freiherr von Oppenheim sowie Aufsichtsratschef Georg Baron von Ullmann sollen persönlich für den zweiten Kredit gebürgt haben. Da sie ihre Bürgschaftsverpflichtungen mit der Arcandor-Pleite einlösen mussten, wurde ihnen das Geld für die eigene Bank knapp - ein Umstand, der die Finanzaufsicht BaFin in Alarmbereitschaft versetzt hatte.

Zertifikategeschäft Bis zu Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 war Sal. Oppenheim stets unter den Top Ten der größten Emittenten in Deutschland zu finden - und unter den Anbietern ohne eigenes Filialnetz und Vertriebsstruktur für hauseigene Produkte sogar der größte Emittent. Zertifikate im Volumen von rund 8 Mrd. Euro hatte die Privatbank per Juni 2007 bei Anlegern platziert. Allerdings kursierten schon damals Gerüchte, die Bank arbeite mit Kampfkonditionen und gehe hohe Risiken im Eigenhandel mit Nebenwerten ein. Beides sind zwei Seiten einer Münze: Die Handelsabteilungen der Banken sind nicht nur für den Eigenhandel zuständig, sondern sorgen im Hintergrund auch für die Preisbildung und Absicherung der Zertifikatekonstruktionen.

Die Gerüchte erhielten neue Nahrung, als sich die Bank im August 2008 überraschend von Siegfried Piel trennte, dem globalen Leiter des Handels- und Derivategeschäfts. Parallel dazu führte Sal. Oppenheim das Engagement im Zertifikatemarkt drastisch zurück. Vor allem die starke Zunahme der Korrelationen in der Finanzkrise - alle Aktien und Indizes entwickelten sich zeitweise im Gleichschritt - warf die Modelle über den Haufen, mit denen das Institut Absicherungsgeschäfte für seine Zertifikate betrieb. Aus dem Geschäft mit komplexen Zertifikaten verabschiedete sich die Bank daraufhin völlig.

Immobilienfonds Als eines der Probleme von Oppenheim gilt auch das Immobiliengeschäft. "Sie waren verliebt in Immobilien", sagt ein Konkurrent über die Eigentümer der Bank. Immobilienfinanzierungen spielten dabei jedoch keine große Rolle. Vielmehr ging es um das Geschäft mit geschlossenen Immobilienfonds. So investierte Bankchef von Krockow auch eigenes Geld in die hauseigenen, geschlossenen Oppenheim-Esch-Fonds, die ihre Rendite zum Teil aus Mietzahlungen von vier Warenhäusern des insolventen Arcandor-Konzerns bestritten - die nun nicht mehr fließen sollen.

Auch andere ehemalige und noch aktive Gesellschafter des Bankhauses haben sich, teilweise zusammen mit ihren Ehefrauen, an zwei der insgesamt fünf Oppenheim-Esch-Fonds beteiligt, die an Arcandor vermieten. Hinzu kommt die Kölnarena (jetzt Lanxess Arena): Donnerstag will der Europäische Gerichtshof sein lange erwartetes Urteil darüber fällen, ob die Stadt Köln den Neubau der Messehallen hätte europaweit ausschreiben müssen, statt ihn für teuer Geld einem Immobilienfonds von Oppenheim-Esch zuzuschieben. Vom Projektentwickler Josef Esch hatte sich Sal. Oppenheim zuletzt distanziert. Wie groß die Verluste aus den Fonds tatsächlich sind, ist nicht bekannt.

Die letzten persönlich haftenden Gesellschafter von Sal. Oppenheim Graf Krockow - Beschädigter Außendarsteller Matthias Graf von Krockow steht gern im Mittelpunkt - und seit mehr als elf Jahren an der Spitze von Sal. Oppenheim. Der 60-Jährige hat zuletzt aber nur negative Schlagzeilen gemacht: Unter ihm als Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter verliert die Privatbank die Eigenständigkeit. Das Image des einstigen Chase-Manhattan- und Citi-Bankers ist stark beschädigt. Zu lange hat der Ehemann der Oppenheim-Nachfahrin Ilona Gräfin von Krockow die Situation seiner Bank beschönigt. Der passionierte Jäger und Pferdenarr betonte zu oft: "Wir bleiben unabhängig."

Von Sarah Speicher-Utsch Christopher Oppenheim - Scheuer Gründernachfahr Christopher Freiherr von Oppenheim, 44, hält sich in der Öffentlichkeit meist zurück. Als persönlich haftender Gesellschafter ist er bei der Bank, die seinen Namen trägt, für die Vermögensverwaltung zuständig - den Bereich, der am wenigsten gelitten hat. Der Sohn des langjährigen Patriarchen Alfred Freiherr von Oppenheim gehört seit neun Jahren als direkter Nachfahr des Bankgründers Salomon Oppenheim zu den haftenden Gesellschaftern. Alfred Herrhausen, einst Deutsche-Bank-Chef, soll dem damals 23-jährigen Oppenheim einmal zugerufen haben: "Bis Sie dran sind, ist die Bank verkauft."

Von Sarah Speicher-Utsch Friedrich Carl Janssen - Umtriebiger Strippenzieher Gerade erst hat Sal. Oppenheim Friedrich Carl Janssens Vertrag bis 2014 verlängert. Doch der 65-Jährige hat zum Ende seiner Karriere kein Glück: Jüngst schmiss Janssen, der als Strippenzieher gilt, den Aufsichtsratsvorsitz bei dem insolventen Handels- und Touristikkonzern Arcandor hin. Jetzt könnte für "Fiete" - so sein Spitzname - bald bei Sal. Oppenheim Schluss sein. Janssen, seit 2004 persönlich haftender Gesellschafter der Bank und dort für die Finanzen zuständig, begann seine Karriere als Wirtschaftsprüfer bei KPMG und Arthur Andersen. Bei Kaufhof war er vier Jahre lang Vorstand.

Von Sarah Speicher-Utsch Dieter Pfundt - Ehrgeiziger Investmentprofi Der oberste Investmentbanker von Sal. Oppenheim gibt sich nur selten mit Mittelmaß zufrieden. Dieter Pfundt, seit 1996 persönlich haftender Gesellschafter und damit unter seinen Kollegen der Dienstälteste, wollte Sal. Oppenheim zur führenden Investmentbank im deutschsprachigen Raum machen. Jetzt sucht der 56-Jährige händeringend nach einem neuen Mutterkonzern, der seinen Bereich mit möglichst vielen Abteilungen übernehmen will. Im Gespräch ist der einstige Banker der Citibank mit der australischen Investmentbank Macquarie.

Von Sarah Speicher-Utsch Chronik 1789 Salomon Oppenheim junior gründet in Bonn ein Kommissions- und Wechselhaus, das 1798 nach Köln verlegt wird. 1851 Die Bank beteiligt sich an der Gründung der Germania Lebensversicherungs- und Rentenbank. 1879 Beteiligung an der Gründung der Colonia Rückversicherungs-AG. 1938 Unter dem Druck der Nazis firmiert Oppenheim als Pferdmenges & Co. nach dem Namen eines Teilhabers. 1942-1944 Die Familie von Oppenheim muss ihr Schloss und das Gestüt Schlenderhan der SS übereignen, Familien- und Vorstandsmitglieder werden verhaftet. Juli 1947 Das Bankhaus nimmt seinen angestammten Namen wieder an und die Arbeit auf. 1989 Das Haus verkauft die Mehrheit an der Colonia Versicherung und erhöht das Eigenkapital von 180 Mio. auf 1 Mrd. DM. 1993 Der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl wird Sprecher der Partner bei Oppenheim. 1998 Matthias Graf von Krockow wird Sprecher der Bank. 1999 Die Bank konzentriert sich auf Vermögensverwaltung, Investmentbanking und Private Banking. 2004 Oppenheim kauft der niederländischen ING-Gruppe die BHF-Bank ab. Juli 2007 Der Konzernsitz wird von Köln nach Luxemburg verlegt. Die Bank erzielt das beste Ergebnis ihrer Unternehmensgeschichte. August 2008 Die Bank trennt sich von Siegfried Piel, dem globalen Leiter des Handels- und Derivategeschäfts. In Finanzkreisen kursieren Gerüchte über zu hohe Risiken der Bank im Derivategeschäft und Nebenwertehandel. September 2008 Sal. Oppenheim setzt über die Zeichnung einer Kapitalerhöhung, frische Kredite und den Kauf von Aktien von der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz auf die Sanierung des angeschlagenen Arcandor-Konzerns. Dezember 2008 Im Geschäftsjahr 2008 rutscht Sal. Oppenheim in die roten Zahlen, es fällt ein Verlust nach Steuern von 117 Mio. Euro an. Die Eigner schießen - teils auf Pump - Kapital zu. April 2009 Sal. Oppenheim lagert Arcandor-Anteile und weitere Beteiligungen an Industriekonzernen in eine Holding aus, um so dort eventuell entstehende Verluste vom Bankgeschäft fernzuhalten. Juni 2009 Arcandor meldet Pleite an. Juli 2009 Nach Spekulationen in den Medien schließt der persönlich haftende Gesellschafter Friedrich Carl Janssen in einem Interview des "Handelsblatt" aus, einen Investor ins Boot zu nehmen. August 2009 Die Deutsche Bank prüft eine Beteiligung an Oppenheim. 28. Oktober 2009 Die Deutsche Bank gibt offiziell die Übernahme von Sal. Oppenheim bekannt. Das Bankhaus verliert damit nach 220 Jahren seine Unabhängigkeit.

 

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