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Financial Times Deutschland
Ringen um Bares: Bei Quelles Pleite ist fast alles anders von Angela Maier
Montag 29. Juni 2009, 12:47 Uhr

 

Hans-Gerd Jauch ist der Typ Mann, den so schnell nichts umwirft. Groß, Trachtenjanker, fröhliches rundes Gesicht. "Heute Nacht hab ich mal vier Stunden geschlafen, davor waren es tagelang nur zwei", erzählt der Kölner. "Für einen passionierten Jäger wie mich ist das kein Problem." Während er sonst gern eine Pfeife schmaucht, ist er derzeit auf Zigaretten umgestiegen. Die lassen sich rasch zwischen zwei Terminen rauchen.

Der 56-Jährige verhandelt seit Tagen mit der Politik über den überlebensnotwendigen Massekredit von 50 Mio. Euro für Quelle, als rechte Hand des vorläufigen Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg. Der frühere Insolvenzverwalter
von Agfa Foto hat Erfahrung mit pleitegegangenen Versandhändlern: 2003 sanierte er den Jagdausrüster Kettner in der Insolvenz. "Er wollte Kettner schon deswegen sanieren, weil er nicht woanders kaufen will", berichtet einer seiner Mitarbeiter.

Nun also Quelle. Kaum eine Firma ist so schnell an den Rand des Abgrunds geraten. Wird der Massekredit abgelehnt, bleibt dem Versender kaum anderes als die Liquidation - nur drei Wochen nach dem Insolvenzantrag. Normalerweise hat ein Insolvenzverwalter drei Monate Zeit, um festzustellen, ob sich eine Fortführung lohnt oder ob zerschlagen werden muss. Während dieser Zeit bezahlt die Bundesagentur für Arbeit die Löhne - womit insolvente Firmen normalerweise kein Geld mehr verbrennen.

Bei Quelle jedoch ist fast alles anders. So fand Görg am Tag der Anmeldung keinen Cent in der Kasse. Ein Grund könnte das "Cash-Pooling" bei Arcandor (Xetra: 627500 - Nachrichten) sein: Alle täglichen Zahlungsüberschüsse der Konzerntöchter flossen automatisch zur Mutter. Das nächste Desaster: Ohne Winterkatalog hat Quelle kaum eine Chance, die Ware im Lager geordnet zu verkaufen. "Quelle ist ohne Katalog kaputt", sagt Jauch.

Daher gab der Insolvenzverwalter den Druck in Auftrag, obwohl er nicht weiß, ob er die Druckereien bezahlen kann. Zulieferer arbeiten dennoch nur teilweise auf eigenes Risiko: Die Kreditversicherer halten Quelle die Stange und decken Jauch zufolge selbst den Druckauftrag teilweise ab. Denn auch sie müssen ohne den Katalog zusätzliche Verluste fürchten: "Die Kreditversicherer sind im Lager stark engagiert", sagt er.

So hoffen neben Quelles 8000 Mitarbeitern auch Zulieferer und Kreditversicherer inständig auf den Massekredit. Dass es den überhaupt braucht, ist wiederum auf eine Besonderheit des Versandgeschäfts zurückzuführen: Quelle ist mit der Insolvenz die komplette Umlauffinanzierung weggefallen, da die Valovis Bank den Aufkauf von Forderungen aufgekündigt hat.

Bislang hatte die Valovis Bank Quelles Forderungen an ihre Kunden taggleich erworben - wenn auch mit großem Abschlag. Der Grund: Quelle-Kunden schicken 30 Prozent der Waren wieder zurück und zahlen den größten Teil über Raten. Dafür hat Valovis einen Risikopuffer aufgebaut, der für einen Neustart des Factorings aber neu erstellt werden muss. Dafür brauchen Valovis und die neuen Factoringbanken BayernLB und Commerzbank (Xetra: 803200 - Nachrichten) den Massekredit.

Genehmigt die Politik diesen, ist für Quelle nur das unmittelbare Aus abgewendet. Dann geht die Insolvenz ihren geordneten Gang, und wie sonst üblich wird nach drei Monaten abgerechnet: "Dann würde Ende August entschieden, ob Quelle fortgeführt werden kann oder liquidiert werden muss", sagt Jauch. Der Ausgang ist völlig offen: "Ob Quelle saniert werden kann, ist heute noch nicht abzusehen."

 

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